Eine Reise in den arabischen Herbst

Vom 18. bis 27. Oktober waren wir (meine Frau Waltraud und ich) als Teil einer kleinen taz-Reisegruppe im Libanon. Bereits bei der Landung im Beirut bemerkten wir den Rauch, der sich über die gesamte Stadt legte.

In Beirut brannten Autoreifen und Müllcontainer. Überwiegend jugendliche Demonstranten sperrten damit die Hauptverkehrsstraßen. Dies nicht nur in Beirut, sondern – wie wir erfuhren – im gesamten Land.

Dieses wunderschöne Land, das in etwas halb so groß ist wie Hessen, steckt in einer großen Krise. Es rangiert mit seiner Verschuldung (150% des BIP) an fünftletzter Stelle in der Welt. Es wird seit dem Bürgerkrieg (1975 bis 1990) mit dem Abkommen von Taif in einer religiösen Parität regiert. Die 128 Sitze im Parlament teilen sich maronitische Christen (34), schiitische Muslime (27), sunnitische Muslime (27), Griechisch-orthodoxe Christen (14), Drusen (8), Rum-melkitische Katholiken (8), orthodoxe Armenier (5), Alawiten (2). Leider haben alle Regierende das Land geplündert und es gibt Vermutungen, dass Politiker inzwischen über 800 Mrd. Dollar auf Auslandskonten haben. Dies ist ein Vielfaches der gesamten Verschuldung des Landes.

Die Infrastruktur des Landes ist desolat. So zahlen die Menschen beispielsweise dreifach für Wasser (für das ungenießbare und selten fließende Wasser aus der Leitung – für das mit Tankwagen in Haustanks gelieferte Wasser – für das Trinkwasser aus Plastikflaschen). Die Entsorgung des Mülls ist ein weiteres Problem. Er wird – sofern er nicht auf den Straßen und unbebauten Grundstücken liegt – in weißen Säcken beim Beiruter Flughafen ins Meer entsorgt. Da die Säcke immer wieder reißen, kann man sich leicht vorstellen, wie die Strände aussehen.

Wieder zurück zu den Unruhen. Die Einführung einer Steuer mit 20 Cent pro WhatsApp-Telefonat war der letzte Tropfen, der den Volkszorn zum Überlaufen brachte. Bereits nach zwei Tagen legte sich die Aggressivität der Demonstrationen und am Sonntag waren wir mitten in Beirut auf dem Märtyrerplatz in einem „Volksfest“. Es wurde mit Familien und Kindern demonstriert und erstmals in der Geschichte Libanons verstanden sich die Menschen nicht primär als religiöse Gruppen, sondern nur noch als Libanesen.

Sie forderten den Rücktritt der Regierung, was Ihnen später teilweise auch gelang. Hariri trat zurück.

Unsere Reise mit der taz in „die Zivilgesellschaft“ ordnete sich nach diesem Auftakt völlig neu und es war der großen Erfahrung unseres Reiseleiters zu verdanken, dass wir trotz der zahlreichen Änderungen eine wunderbare Rundfahrt über Byblos, Baalbeck, Zahlé und das Choufgebirge hatten. Wir sahen nicht nur die Zeugen der teilweise 8.000 jährigen Geschichte dieses Landes, sondern trafen uns auch mit vielen Vertreter*innen aus NGOs und konnten so die aktuelle Lage aus zahlreichen Blickwinkeln erfahren und diskutieren.

So besuchten wir auch das Qadishatal, in das sich im 6. Jahrhundert die Christen in Höhlen zurückzogen und Klöster gründeten. Eine Nacht schliefen wir auch in eine Kloster in diesem wunderschönen Tal.

Am bedrückendsten waren die Besuche in den Flüchtlingslagern. Zuerst waren wir im Lager Chatila mitten in Beirut bei der NGO Al-Najdeh, deren Mitarbeiterinnen uns durchs Lager begleiteten. Hier leben seit 1948 bereits mehrere Generationen von palästinensischen Flüchtlingen (ca. 80.000). Die meisten sind staatenlos, da sie keiner Papiere haben. Das „Lager“ besteht inzwischen aus immer wieder aufgestockten Steinhäusern, die haarsträubend und gefährlich mit Wasser und Strom versorgt sind.

Anders sieht es in den ca. 1.000 syrischen Lagern aus. Hier hat die UNHCR Zelte gestellt und die Geflüchteten erhalten monatliche 50 Dollar, die sie dem Grundstückseigentümer als „Miete“ weitergeben müssen. Das Problem ist, dass nur die ca. 40% der registrierten Flüchtlinge diese „Leistungen“ erhalten. Wir besuchten eine Schule der NGO „alphabet for alternativ Education“ bei „Bar Elias“ und die Blicke der Kinder werden wir wohl nie vergessen.

Die nachfolgenden Bilder zeigen nur einen kleinen Eindruck dieser wunderbaren Reise und vor allem die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Flüchtlinge und Libanesen, zwischen Meer und 3.000 Meter hohen Bergen, zwischen Stadt und Land und zwischen Gegenwart und Geschichte.

 

 

 

 

 

 

 

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